Sie machen mir Angst.

Hiernoymus Bosch: „Das Narrenschiff“, ca. 1500

# 1.034

Die Nürnberger Nachrichten berichten heute¹ über die Wünsche der Leser: „Zeitenwende Corona. Was sich ändern muss“. Und nun also hat er freien Lauf, der verschreckte Bürger, der entweder nicht allzuviel Schimmer von Politik als solcher hat oder bösen Willens ist. Anders kann ich mir dieses Sammelsurium an Höllenbildern, die einem Hieronymus Bosch Ehre machten und einen Sigmund Freud intensivst beschäftigen würden, nicht mehr erklären.

Wenn dieser Beitrag viele Zitate aus dem verlinkten (und frei zugänglichen) Artikel aufweist, dann liegt das vor allem daran, daß man all das, was da geschrieben steht, vielleicht nicht glauben kann. Oder will. Aber nein, es steht alles da.

NN: „Die meisten ihrer [der Leser] Beiträge skizzieren den Weg zu einer besseren Welt“. Ach! Drunter macht’s der deutsche Spießer nicht. Eine bessere Welt muß her, aber hopp! Und was, wenn ich nicht willig bin? Bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt! Und weil der einzelne damit schon überfordert ist, definieren sie mal in schönster „Ach, wenn ich doch das Sagen hätte“-Manier, ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen, die Wege, „die Politik und Gesellschaft beschreiten müssen“. Hier wird also nicht, wie es sich in der Demokratie gehört, ein Vorschlag gemacht – nein, die NN schreibt, willentlich oder nicht: „…beschreiten müssen“. Ich muß! Die Gesellschaft muß! Die Politik muß! Und wenn einer nicht mag? Die Freiheit des einzelnen? Ach, die ist den Proto-Faschisten und anderen Weltbeglückern schon immer schnuppe gewesen, und sie bekennen sich in erstaunlicher Offenheit und Dreistigkeit dazu. Sie wünschen sich „mehr Demut“ – was dann so aussieht, daß die Schreiber, die mehr Demut von den anderen fordern, sich erdreisten, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Demut ist immer schön, wenn der andere sie üben muß. So>

Die ‚gute‘ Diktaur – eine Theorie aus Platons Politeia, geschrieben vor recht genau 2.400 Jahren – ist im 20. und 21. Jahrhundert die Tarnkappe von … Faschisten. Glauben Sie nicht? Glauben Sie’s. Der Verfasser dieser Zeilen war selbst dabei, als Karl-Heinz Hoffmann, damals als „Wehrsport-Hoffmann“ bekannt, ein notorischer Nationalsozialist und des Mordes angeklagt, im Nürnberger Schwurgerichtssaal natürlich abstritt, eine braune Gesinnung zu haben, sondern sich eben auf Platons Politeia berief und nur eine ‚gute‘ Diktatur errichtet sehen wollte. Von einer solchen Beglückung, nötigenfalls Zwangsbeglückung, der Bevölkerung sprach auch jener Dr. Goebbels gerne. Aber ach, auch die extreme Linke – in ihren Zielen den „Wünschen“ oder Albtraumphantasien dem aus dem NN-Artikel Zitierten inhaltlich näherstehend – bekannte sich ja stets offen dazu: Die „Diktatur des Proletariats“, die sie ausrief, ist nichts anderes. Und ins gleiche Horn stoßen dann die verhinderten Inqusitoren, Hexenverbrenner und anderweitig Anmaßende, die für jeden einen exakten Plan haben, wie der gefälligst zu leben habe.

Dies ist wieder einmal ein Tag, über die freiheitlich-demokratische Grundordnung froh zu sein, die uns vor solchem „An meinem Wesen soll die Welt genesen“-Wahn bewahrt. Es stimmt schon: der Mensch ist des Menschen schlimmster Feind – und der Weg in die Hölle ist mit guten Absichten gepflastert. Wenn Intelligenz und Bildung sich in der Fähigkeit der Differenzierung offenbaren, und ich dann die auf absurde Weise jeder Diffenrenzierung ermangelnden Aussagen jener Schreiber lese, dann fürchte ich, daß hier nicht die intellektuelle Elite zur Feder griff. Das wäre noch schlimmer – aber schlimm bleibt’s auch so.

Aber ach, so>

 

 

 

¹ Link zum Artikel: https://www.nordbayern.de/politik/gestarkt-aus-der-krise-leser-stellen-teils-radikale-forderungen-1.10053886