Keine Hölle im Jenseits. Aber im Diesseits?

Die Hölle gibt es im Judentum nicht; im Christentum dagegen schon – und Jahrhunderte >

Die Strafe der Hölle sind in christlicher Vorstellung mannigfaltig, einfallsreich und tun in jeder Hinsicht weh: physisch, psychisch, emotional. Insbesondere die mittelalterlichen christlichen Vorstellungen der Hölle wirken heute wie die Verkörperung der Ängste jener, die sie sich ausmalten und beschrieben. Aber das alles war ja im Jenseits. Man wird sehen, ob es so kommt, nicht wahr?

Im Judentum gibt es diese Vorstellung nicht. Eine gängige Lehrmeinung zusammengefaßt: Es gibt ein Leben der Seele nach dem Tod. Die Guten schauen die Nähe G’ttes, die nicht so guten müssen darauf >

Keine Hölle. Im Jenseits.

Aber im Diesseits? Ist nicht der Antisemitismus eine Hölle? In gewisser Weise schon. Wenn man, durchaus dankbar, erleben muß, daß sich Menschen wie schützend vor die eigene Gemeinde stellen. Wenn man dieses anscheinend nicht zu überwindende „ihr gehört hier nicht dazu“ aus manchen bürgerlichen Kreisen hört, in welcher konkreten Ausdrucksweise auch immer. Wenn Rechtsextreme vom „ewigen Juden“ schwadronieren. Wenn Linksextreme palavern, daß der jüdische Staat den Weltfrieden bedroht und die Deutschen von ihrem „Judenknacks“ (der linksextreme Theoretiker und Praktiker Dieter Kunzelmann) befreit werden müssen – am besten, indem man sie umbringe (die Juden, notabene). Wenn Islamisten, also Vertreter eines politisch extrem aufgeladenen Islam, Antisemitismus propagieren, Juden töten und den jüdischen Staat auslöschen wollen.

Diese vier Erscheinungsformen des Antisemitismus – rechtsextrem, linksextrem, islamistisch, bürgerlich – nehmen sich nicht viel, was ihre Gefährlichkeit betrifft. Freilich: der bürgerliche tötet nicht – jedenfalls nicht unmittelbar. Aber er bricht Tabus einer gesitteten Zivilgesellschaft. Wenn ein Rechtsextremer seinen Unsinn verbreitet, dann wissen die meisten, was davon zu halten ist. Wenn ein Linksextremer schwurbelt, dann auch. Und wenn ein Islamist seinen Judenhaß zeigt, dann trägt das im Allgemeinen auch nicht zur Beliebtheit von IS und wie sie alle heißen bei. Aber wenn einer scheinbar normal plaudert, dann wird ihm das durchgelassen. Dann wähnt sich die Mutter des Mörders von Halle auf der guten Seite, dann sieht ein Herr Plasberg eine heftig antisemitische Äußerung als „aus der Mitte Deutschlands“ kommend an, dann ist die Selbstzufriedenheit unüberwindbar.

Am meisten schmerzt mich oft der bürgerliche Antisemitismus. Wenn mir ein Passant erklärt, daß wir doch nicht hierher gehörten und besser unsere Sachen packen. Wenn ein Gesprächspartner in aller Seelenruhe erklärt, daß doch einmal Schluß sein müsse mit dem ewigen Gerede über die Shoa; sonst bräuchten wir uns doch nicht zu wundern, wenn wir so unbeliebt seien. Diese Menschen würden sich nicht gerne als Antisemiten bezeichnen lassen – aber sie sind es.

Der Antisemitismus beginnt nicht dort, wo Menschen in Gaskammern gestopft werden. Dort endet er. Antisemitismus ist dort, wo der Jude als Jude wahrgenommen wird. Das tun viele, allzu viele.

Für beides – das Brechen der gedanklichen und sprachlichen Tabus und für die Wahrnehmung von Juden als Juden in vorurteilsbehafteter Weise – steht die AfD. Die diversen Tweets von AfD-Mandatsträgern nach der Tat von Halle, seien es MdL oder MdB oder sogar der Vorsitzende des Rechtsausschusses (!) im Deutschen Bundestag, zeigen deutlich: Wer diese Partei aus welchen Gründen auch immer wählt, billigt oder nimmt zumindest in Kauf, daß in ihren Reihen schamlose Antisemiten zu Werke sind. Die AfD trennt sich nicht nur nicht von ihnen, sie positioniert sie immer wieder: in ihren Vorständen, in den deutschen Parlamenten. Und dann will sie damit angeblich nichts zu tun haben. Sie ist in gewisser Weise so wie ein Zehnjähriger, der nach der Heimkehr der Eltern mit der grün angemalten Katze zu Hause angetroffen wird: Er kann noch so grübelnd nach einer Ausrede suchen, um die Schuldzuweisung abzuwenden – man weiß, was er getan hat.

Diese AfDler sind ein trauriger Beleg für einen bösen Satz von Henryk Broder: Sie werden den Juden den Holocaust niemals verzeihen.

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Bild: Hieronymus Bosch, Weltgerichtstriptychon – Die Hölle; um 1500.

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