NZZ und SPIEGEL: Eine Frage des Niveaus

#1035 Die Neue Zürcher Zeitung erscheint seit 1780. Sie ist im gesamten deutschsprachigen Raum als seriöse, bürgerlich-liberale – im schweizerischen Wortgebrauch: „freisinnig-demokratische“ – Zeitung angesehen. Man kann sie auch mit einer anderen eigenen politischen Meinung mit Vergnügen lesen, weil sie zwischen Meldung und Meinung trennt – etwas, was nahezu alle deutschen Zeitungen längst aufgaben. Sie pflegt eine Sprache, die sich vom hierzulande vorherrschenden, öden Gesamtschuldeutsch in jedweder Hinsicht angenehm unterscheidet. Freilich, dem auf eine bombastische Sprache gepolten, für einen Artikel nicht mehr als dreißig Sekunden aufwendenden Oberflächenkonsumenten mag sie auch >

Der SPIEGEL erschien erstmals 1947, in jenen wilden Jahren zwischen dem Ende des Nationalsozialismus und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Politisch links-liberal angehaucht, war er auch über seine unmittelbare Leserklientel hinaus als ein etwas lautes, aber doch seriöses Wochenblatt anerkannt. Das aber ist >Miss Germany 2020 wegen Corona nicht so viel von ihrem Titel hatte und wie sie damit umgeht, und testet unter der ach so lustigen Überschrift „Schaumschläger!“ Milchaufschäumer unter besonderer Berücksichtigung veganer Milchersatzprodukte.

Just jener SPIEGEL berichtet – der Artikel ist am Ende verlinkt; er steht allerdings hinter einer Bezahlschranke – über die Pläne der NZZ, in Deutschland aktiver zu werden. Da wird schon im Anreißer die NZZ als „rechts“ bezeichnet. Nun ist den SPIEGEL-Redakteuren freilich bewußt, daß „rechts“ einerseits als Bezeichnung für staatstragende, nicht nur grundgesetztreue, sondern grundgesetzschaffende politische Haltung innerhalb des einst normalen Parteienspektrums steht (nennen wir CSU, CDU, Teile der FDP, vielleicht auch den Seeheimer Kreis der SPD), andererseits aber in dieser Zeit, in der man zwecks Verflachung gerne Silben spart, für etwas wesensanderes wie „rechtsextrem“, „rechtsradikal“ und was dergleichen mehr ist, steht. Und so wird dieses Wort eben schnell einmal willentlich zum Beschmutzen des so Angesprochenen verwandt, aber nicht zu einer ordentlichen politischen Einordnung. Daß es dem Wort „links“ ähnlich ergeht, macht die Sache nicht besser.

Dieser SPIEGEL also, der in weiten Teilen – und für die Onlineausgabe spiegel.de gilt das in noch stärkerem Maße – der Frauenzeitschrift tina ähnelt, erheischt sich, die NZZ zu desavouieren. Wahr ist doch aber eher, daß der SPIEGEL seinen einst berechtigten Ruf als das deutschsprachige Nachrichtenmagazin schlechthin dem, was Redakteure vielleicht für den Zeitgeist halten, geopfert hat. Auch mit dem SPIEGEL geht es stringenterweise bergab – nicht nur, was die Inhalte des Blattes betrifft, sondern auch, was die verkaufte Auflage betrifft. Das hat er mit allen gedruckten Medien gemein. Während aber von SPIEGEL-Expansionsplänen in die Schweiz hinein bisher nichts bekannt wurde, kommt die NZZ nun engagiert auf den deutschen Markt. Der Grund ist einfach: weil es hierzulande ein Gegenstück schlichtweg nicht gibt.

Aber warum berichtet der SPIEGEL nicht entsprechend über die eigenen Verkaufszahlen? Da käme Erhellendes zutage. Er verlor etwa ein Drittel seiner Kunden und Leser. Diese Berichterstattung übrigens wäre auch mal etwas für so manche Regionalzeitung, aber das tun die meist nur am Rande in dem gelegentlich kleinen Kästchen, in dem Preiserhöhungen zur Sicherung der Wirtschaftlichkeit angekündigt werden.

Vor allem aber berichtet der SPIEGEL natürlich nicht über die Vorgeschichte des aktuellen Artikels über die NZZ. Im Jahr 2000 nämlich schrieb die NZZ darüber, daß der SPIEGEL unter Gründer und Lichtgestalt Rudolf Augstein zahlreiche SS-Offiziere anheuerte und auch gezielt Einfluß auf die Berichterstattung über den Nationalsozialismus nahm – freilich vor allem in jenem Sinne, der verkaufsfördernd war: reißerisch, spektakulär, den Blick durch’s Schlüsselloch ins innere Machtgefüge etc. liefernd. Jener SPIEGEL, der vom Journalisten und Sprachkritiker Wolf Schneider als „oberster Verhunzer der deutschen Sprache“ bezeichnet wurde, geriert sich heute noch als „Sturmgeschütz der Demokratie“, das er vielleicht einmal war, in den 1950er und 1960er Jahren, aber heute nicht einmal mehr ansatzweise ist. Er ist eher zu „Spritzpistole“ (Deutschlandfunk) verkommen, er „schwächelt“ (taz), er schreibe „grobe Vereinfachungen und pauschale Urteile“ (WELT).

Es ist naheliegend, daß das Erstarken der NZZ in Deutschland dem SPIEGEL auch noch das zwar nicht mehr mit Wahrheit unterfütterte, aber doch noch stets gepflegte Image nimmt. Denn – auch wenn es etwas schief ist – das Bessere ist der Feind des Guten. Oder, um es simpler und ausgerechnet mit Dieter Bohlen zu sagen: „Sag einem Idioten, daß er ein Idiot ist. Das ist das Problem.“

https://www.spiegel.de/wirtschaft/warum-es-die-nzz-nach-deutschland-zieht-es-rappelt-im-kanton-a-00000000-0002-0001-0000-000174874885