Toda. Danke.

Die Morde von Halle erschraken, entsetzten, verstörten und beschämten. Wir wurden durch eine Holztüre von einem Massenmord verschont.

Diese Feststellung soll die Trauer der Angehörigen der beiden Ermordeten nicht geringschätzen. Wahr ist aber leider auch, dass ein Mord an über fünfzig Menschen ein noch böseres Verbrechen als es ein Mord an zwei Menschen und schweren Verletzungen an weiteren Menschen ist.

Sofort nach der Tat meldete sich der bayerische Ministerpräsident mit dem Oberbürgermeister, dem Polizeipräsidenten und dem Beauftragten der Staatsregierung für jüdisches Leben zu einem Gespräch in der jüdischen Gemeinde in Nürnberg an.

Die Allianz gegen Rechtsextremismus und die Bürgerbewegung für Menschenwürde riefen zu einer öffentlichen Solidaritätsbekundung von der jüdischen Gemeinde in Nürnberg auf.

Beides – das Gespräch am Mittag und die Versammlung am Abend – waren großartige Zeichen der Unterstützung, der Hilfe und der Solidarität.

Bei dem Gespräch machten die Vertreter des Freistaats Bayern, der Stadt Nürnberg und der mittelfränkischen Polizei unzweifelhaft deutlich:

  • Die jüdische Gemeinde steht unter ihrem besonderen Schutz.
  • Es wird alles getan, um das seit bald 1.700 Jahren zu Deutschland gehörende jüdische Leben, das die Nationalsozialisten nahezu total vernichteten, zu fördern.
  • Die gegenwärtige politische Situation, in der von maßgeblichen Personen einer sich oft bürgerlich gebenden Partei übelste Hetze betrieben wird, ist zu überwinden.
  • Es ist schlimm, daß jüdisches Leben geschützt werden muß – noch schlimmer aber wäre, es nicht zu schützen.
  • Es ist nötig, über Vorfeldermittlungen solch geplanten Taten auf die Spur kommen zu können, bevor sie begangen werden.
  • Es ist nötig, die Strafbarkeit antisemitischer Betätigung neu zu überdenken.
  • Wir leben (das unerträgliche Berliner Urteil über die übelsten Verbalinjurien gegenüber Renate Künast, die straffrei blieben, zum Anlaß genommen) in einer Zeit, in der zunehmend aus bösen Gedanken erst böse Worte werden und dann aus bösen Worten schließlich böse Taten.

Es tat auch gut, daß die Bundestagsabgeordneten Michael Frieser, Sebastian Brehm und Uli Grötsch, die Landtagsabgeordnete Barbara Regitz und die Stadträte Marcus König und Diana Liberova ebenfalls beim Gespräch anwesend waren. Hier wurde ohne Anwesenheit der Presse über das gesprochen, was ist und über das, was geschehen muß. Und es tat gut, diese hohen und höchsten Vertreter so zu erleben. Das mindert die Tat von Halle nicht – aber es schafft neues Vertrauen in Staat, Stadt und Polizei.

Bei den anschließenden Pressegesprächen war eine solche Aufmerksamkeit der Presse gegeben, daß auch das Vertrauen in sie etwas gestärkt wurde. Aber hier bleibt noch viel Arbeit zu tun. Ein Fernsehsender sprach dann in seinem Bericht vom „Besuch des Ministerpräsidenten in der israelischen Gemeinde“ – Hallo! Das war die jüdische, also israelitische Gemeinde! Mit dem Staat Israel hat die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg erst einmal nichts zu tun. Journalisten, die uns allen gerne sagen, was und warum wir es zu denken haben, sollten derlei wissen.

Abends dann kamen die ersten Menschen zur Solidaritätsversammlung vor der jüdischen Gemeinde an. Wir waren nicht ganz sicher, ob es gut gelingen würde. Erst einen Tag vorher war dazu aufgerufen worden. Wie viele Menschen würden das mitkriegen? Und kommen wollen? An einem herbstlich-schönen Freitagabend, mittenmang im Berufsverkehr?

Aber sie kamen. Und wie sie kamen! Über 1.200 waren es, wie die Polizei uns mitteilte. Sie standen um das gesamte Grundstück herum und dies nicht nur im wörtlichen Sinne. Auch übertragen: Diese Menschen kamen zu uns, stellten sich schützend vor unsere Synagoge. In kurzen Ansprachen sagten der Allianz-Vorsitzende Stephan Doll, Nürnbergs Bürgermister Christian Vogel, der evangelische Stadtdekan und Rat-der-Religionen-Vorsitzende Dr. Jürgen Körnlein, der bayerische Innenminister Dr. Joachim Herrmann, der IKGN-Vorsitzende Jo-Achim Hamburger das, was zu sagen war. Aber wichtiger als die Reden war das Erscheinen, das Teilnehmen. So viele kamen! Es waren viele Prominente dabei – und viele, die nicht prominent sind, aber durch ihre Anwesenheit etwas zeigen wollten. Sie zeigten, daß man kein Jude sein muß, um für die Würde auch jüdischer Menschen einzutreten. Sie zeigten, daß es in unserer Gesellschaft viele gibt, die ungeachtet aller möglichen Unterschiede wissen, was gut und was böse ist.

Von der Nachbarin aus einem Haus nebenan über den ehemaligen Ministerpräsidenten Günther Beckstein, von der muslimischen Familie über den Sparkassenvorstand Dr. Daniel, von Kirchgängern der nahegelegenen katholischen Kirche zum evangelischen Regionalbischof Dr. Ark Nitsche, vom Imbißverkäufer vom Leipziger Platz zum Wirtschaftsreferenten Dr. Fraas, vom Zeitungsleser zum Ersten Landtagsvizepräsidenten Karl Freller – unmöglich, alle aufzuzählen, die ich kannte, die ich dem Namen nach kannte und die ich noch nicht kannte. Danke. Oder, auf hebräisch: Toda.

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